Jenseits der Mauern

Frauenvollzug ist anders: ein Besuch im Gefängnis Vechta

Hinter Gittern: Jenseits dieser Mauern f indet das Leben der in Vechta inhaftierten Frauen statt.

Das Gefängnis befindet sich mitten in der Stadt, unweit des Rathauses. Gegenüber stemmt sich der kompakte Bau der spätgotischen Propsteikirche in den Himmel, rechter Hand steht das Haus der Wandergruppe, links das Kolpinghaus. Dazwischen liegt die Justizvollzugsanstalt (JVA) für Frauen Vechta, untergebracht in einem mehrfach umgebauten Franziskanerkloster aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Fassade wirkt funktional, und wer nicht genau hinschaut, wird den langgestreckten Baukörper kaum als Haftanstalt wahrnehmen.

An der massiven Pforte geben Besucher Personalausweis und Handy ab – dann öffnet sich die schwere Stahltür hin zu einem schmalen Flur. Von hier aus geht es über den grünbewachsenen Innenhof in den Haupttrakt. Die Sonne wirft lange Schatten auf einen quadratischen Sportplatz. Geht der Blick nach oben, sieht man zahlreiche vergitterte Fenster. Gefängnis bedeutet den maximalen Verlust persönlicher Freiheit. Auch dann, wenn das Konzept über den Tag der Entlassung hinausreicht und sich dezidiert am Individuum orientiert – so wie in Vechta. Hier schließt Strafe immer die Möglichkeit zur Besserung, auch zur Lebensverbesserung ein.

„Man kann Frauenvollzug nicht vom Männervollzug abkupfern“, erklärt Anstaltsleiter Oliver Weßels. „Die Frauen bringen in aller Regel ganz andere Vorbedingungen mit“, ergänzt seine Stellvertreterin Petra Huckemeyer. Beide sitzen in Weßels Büro. Hier ist die Raumtemperatur geschätzt zehn Grad niedriger als draußen. An einem runden Tisch sind Kaffee, Wasser und Gebäck gedeckt. Petra Huckemeyer hat nicht viel Zeit für das Gespräch, wie sie bedauert. Sie will gleich eine Gästegruppe führen, die sich für Architektur und Geschichte des Gebäudes interessiert. Vechta, das transparente Gefängnis? Petra Huckemeyer lacht. Überhaupt macht sie einen fröhlichen Eindruck. Oliver Weßels wirkt lässig und gelassen. Die Leiter einer Strafanstalt stellt man sich irgendwie anders vor – weniger locker, weniger herzlich, mindestens aber strenger. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass beide in Zivil sind. Die Kleiderfrage ist durchaus ein Thema unter den Bediensteten gewesen. Schließlich hat Weßels abstimmen lassen: Zweidrittel sprachen sich gegen Dienstkleidung aus. Und so trägt der Anstaltsleiter am Arbeitsplatz Jeans und T-Shirt. Das legere Outfit ändert nichts an den Hierarchien. Autorität wird auch in Vechta gewahrt, Regeln und Grundsätze gilt es zu beachten. Und die fangen bei der Sprache an. Das Wort „Schließer“ ist tabu, den Begriff „Knast“ mag das Leitungsduo auch nicht.

Eine Stadt und ihr Gefängnis

„Vechta und Vollzug, das gehört zusammen“, erklärt Petra Huckemeyer und nimmt einen Schluck Kaffee. Seit mehr als 300 Jahren lebt die Stadt von und mit dem Gefängnis. Es gibt kaum jemanden, der nicht mittel- oder unmittelbar mit dem Vollzug zu tun hat. Für die Bürger sei die Haftanstalt selbstverständlicher Teil der Stadtgeschichte, sagt Huckemeyer. Immer wieder gebe es fruchtbare Begegnungen diesseits und jenseits der Mauern, sei es in Kunstprojekten oder durch die Angebote der vielen Ehrenamtlichen, die dazu beitragen, dass die Einrichtung „bunt wie das Leben ist“. Das ist Petra Huckemeyer wichtig, das Bunte. Für sie ist die JVA ein Mikrokosmos mit Höhen und Tiefen, mit Geschichten vom Scheitern und vom Erfolg. Auf die Frage: „Was sind das für Frauen, die hier inhaftiert sind?“, antwortet sie lächelnd: „Frauen wie Sie und ich.“ Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. „Viele der Frauen waren zunächst Opfer, bevor sie Täterinnen wurden“, erzählt Huckemeyer. „Und was lehrt uns das?“, fragt Oliver Weßels und schickt die Antwort sogleich hinterher: „eine gewisse Demut. Denn es gibt gute und schlechte Startbedingungen ins Leben.“ Die mit den schlechten Startbedingungen landen unter Umständen in Vechta. Will man im Strafvollzug einen guten, einen menschlichen Job machen, dann kann man sich der Gewalt, die viele weibliche Täter in ihrem Leben erfahren haben, nicht entziehen. „Es gibt hier Frauen, die können Männern nicht einmal die Hand geben. Das respektieren wir“, sagt Weßels.

Dass für einen humanen Strafvollzug, der den Schritt zurück ins Leben immer mitbedenkt, auch die äußeren Bedingungen stimmen müssen, verhehlt er nicht. Überbelegung mit all ihren negativen Folgen war auch in Vechta lange ein Problem. „Es gab schlimme Zeiten“, sagt Petra Huckemeyer. „Wir hatten zeitweise eine Auslastung von 150 Prozent, es ging an die Substanz aller, es waren grausige Zustände.“ Das ist vorbei. 140 Plätze hat die Hauptanstalt im geschlossenen Vollzug und knapp 300 insgesamt an den unterschiedlichen Standorten. „Wir sind ausgelastet, aber nicht überlastet“, erklärt Oliver Weßels. Das Ziel der Landesregierung sei, Mehrfachbelegung zu vermeiden. Angestrebt wird grundsätzlich die Einzelbelegung. Mit der personellen Situation ist der Leiter bedingt zufrieden. Insgesamt verfügt die JVA über knapp 164 Arbeitsplätze. Weil auch Teilzeitstellen darunter sind, kommt das Gefängnis auf 198 Beschäftigte an den Standorten Vechta, Hildesheim und Vechta-Falkenrott. Hierhin wurde inzwischen auch die Abteilung aus Alfeld (Sozialtherapie) verlagert. Seit Anfang 2011 ist in der neu zugeteilten Abteilung Vechta/Zitadelle der offene Jugend- und Jugendtäterinnenvollzug untergebracht. Wenn die Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind, ist dies auch der Ort für den geschlossenen Jugendvollzug. Insgesamt kommt die Justizvollzugsanstalt dann auf rund 330 Haftplätze.

Der Lebensrucksack

An den Lebensbedingungen der Frauen orientieren sich die Arbeits-, Bildungs- und Therapieangebote. „Bei uns sind jugendliche Straftäterinnen ab 14 sowie ältere Frauen von 74 Jahren. Das ist eine große Bandbreite, und der muss man gerecht werden“, erläutert Petra Huckemeyer. „Wir schauen uns deshalb ganz genau an, was die jeweilige Frau in ihrem Lebensrucksack hat.“ Bei den schulpflichtigen Häftlingen ist es wichtig, dass der Schulabschluss nicht auf der Strecke bleibt. Viele Frauen haben nie einen Beruf erlernt. Die JVA bietet Ausbildungen z.B. im Bereich Gebäudereinigung oder Küche an. Es gibt aber auch Frauen, die machen während ihrer Haft das Abitur oder nehmen ein Studium auf. In den Gefängniswerkstätten stellen die Häftlinge hochwertige Segeltuchtaschen für ein Bremer Unternehmen her oder nähen Bettwäsche, die ebenfalls in den Verkauf geht. „Bei uns herrscht Vollbeschäftigung“, sagt Oliver Weßels und er sagt es zufrieden. Die Arbeit bietet den Frauen die Chance, ihr eigenes Geld zu verdienen. Etwas mehr als zwölf Euro erhalten sie am Tag, das ist nicht viel. Und doch die Basis für den kleinen Luxus zwischendurch. Und noch etwas ist wichtig: Arbeit bedeutet Struktur, etwas, dass viele der Inhaftierten ihrem Leben bisher nicht geben konnten. Rund acht Monate sind die Frauen im Durchschnitt in Vechta. Zum Vergleich: Männer bleiben durchschnittlich mehr als zwei Jahre in Haft. „Wegen der Kürze der Zeit sind die Möglichkeiten begrenzt“, räumt Petra Huckemeyer ein. „Da kann man nicht die Welt verändern.“

Während in den Männergefängnissen eine Vielzahl von Angeboten existiert, muss man im Frauenvollzug konstruktiv mit Begrenzungen umgehen. „Zu uns kommen Frauen, die haben überhaupt kein Selbstwertgefühl, die haben keine Ahnung von ihren Fähigkeiten“, sagt Petra Huckemeyer. „Die müssen wir aufbauen, stark machen.“ „Bei Männern kann man mit Antiaggressionstraining Erfolge erzielen, bei Frauen bringt das wenig. Die sind eher autoaggressiv“, beschreibt Weßels die Unterschiede. Großen Wert legt der Leiter, der Pädagoge und Jurist ist, auf die gute Ausbildung seiner Mitarbeiter, die „mit viel Fingerspitzengefühl“ ausgewählt werden.

Ein Problem im Frauenstrafvollzug sind Suchterkrankungen. In Vechta und Hildesheim arbeiten ein Suchtberater und zwei Suchtkrankenhelferinnen, aber auch die anderen Beschäftigten sind mit dem Thema konfrontiert. Psychologen, Suchtberater, Seelsorger, Abteilungsleiter: Sie bilden ein Team, das Hand in Hand agiert.

Spielen auf der Dachterrasse

Da das Gefängnis eine Art Zerrbild der Gesellschaft darstellt, gibt es auch Mütter mit Kindern in der JVA. Im sogenannten Mutter-Kind-Haus leben Frauen mit ihren noch nicht schulpflichtigen Töchtern und Söhnen. Im geschlossenen Vollzug dürfen die Kinder nicht älter als drei Jahre sein. Wichtige Voraussetzung für eine Mutter-Kind- Unterbringung ist die Zustimmung des Jugendamtes. Das offene Mutter-Kind-Haus befindet sich auf einem großen Gelände mit Kinderspielplatz, im geschlossenen Bereich gibt es eine Dachterrasse mit Spielgeräten. Im Mutter- Kind-Vollzug sind die Hafträume großzügig geschnitten, die Türen bleiben nachts unverschlossen, der Alltag ist in Wohngruppen organisiert. Während die Mütter tagsüber arbeiten oder anderen Verpflichtungen nachgehen, werden die Kinder im offenen Bereich betreut. Nach Absprache gehen sie auch in den öffentlichen Kindergarten. Und wenn sie wollen, dürfen sie Spielkameraden mitbringen. Aber wird hier nicht Alltag vorgegaukelt, wo keiner ist? Und dient das Konzept wirklich dem Wohl des Kindes? Ja, davon ist Oliver Weßels überzeugt. „Vorrangig geht es darum, das Kind in seinem sozialen Bezug zu lassen. Aber oft gibt es niemanden, weder Großeltern noch Vater, der sich kümmern könnte oder wollte.“ In solchen Fällen werde eingehend geprüft, ob das Zusammenbleiben von Mutter und Kind tatsächlich die beste Lösung sei, nur dann wird der Maßnahme zugestimmt. „Und es funktioniert“, lächelt Weßels. „So ein kleiner Wurm fühlt sich wohl bei uns.“ Je älter die Kinder werden, desto schwieriger lässt sich jedoch das Leben im Gefängnis mit dem draußen zusammenbringen. „Irgendwann kippt das. Es hat keinen Sinn, Kinder über das Einschulungsalter hinaus hier zu lassen“, weiß der Leiter.

Kein Frauenhaus

Bevor Oliver Weßels seine Stelle in der JVA Vechta antrat, war er mehr als zehn Jahre lang stellvertretender Leiter des Männergefängnisses bei Meppen im Emsland. Was ist besser zu managen? „Ach ja“, der Leiter seufzt und nimmt einen Keks. „Die Frage wird gerne gestellt.“ Beide Haftanstalten seien fortschrittlich organisiert. Das gefällt Weßels, der seinen Beruf ohnehin sehr mag. Er könne sich keine andere Behörde vorstellen, die er lieber leiten würde, versichert er. Wie oft sieht er Frauen wieder, die er zuvor entlassen hatte? „Natürlich gibt es Drehtüreffekte.“ Weßels bestreitet das nicht. Wenn es aber gelingt, die Frau aus einer Gewaltbeziehung herauszulösen, wenn es funktioniert, sie aufzubauen, zu bilden, mit mehr Selbstvertrauen auszustatten, dann kann der Sprung in ein anderes, besseres Leben durchaus gelingen. Dazu gehört auch die Konfrontation mit der Tat. „Wir sind kein Frauenhaus“, stellt Weßels klar. Viele Frauen sind vor Antritt der Haft wiederholt zur Bewährung verurteilt worden. „Für die bricht eine Welt zusammen, wenn sie plötzlich doch ins Gefängnis müssen.“ Nicht selten wird dann versucht, die Tat zu relativieren, besonders wenn es sich um Betrugsdelikte handelt. „Ich wollte das Geld doch zurückzahlen, ich bin nur nicht dazu gekommen“, sei eine der beliebten Ausreden. Weßels kennt diese Einwände auch aus dem Männervollzug. Eine erfolgreiche Resozialisierung aber setzt voraus, dass die Täter sich mit ihrer Schuld auseinandersetzen. Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen – vielen Gefangenen falle das schwer, sagt Weßels. Aber auch im Leben da draußen gehöre die kritische Reflektion ja zu den Königsdisziplinen.

Beim Rundgang durch die Anstalt schließt der Leiter eine Tür nach der anderen auf und wieder zu. Im Trakt, in dem die Untersuchungshäftlinge untergebracht sind, sitzt eine junge Frau mit Kindergesicht und kajalverschmierten Augen am Fernsprecher. „Man kann hier nicht in Ruhe telefonieren“, seufzt sie in den Hörer. Es klingt eher resigniert als verärgert. Hier ist die Stimmung heute sowieso schlecht, wie Weßels erklärt. Bei einer Durchsuchung sind Drogen gefunden worden. Das bedeutet das Streichen von Vergünstigungen.

In der Jugendabteilung, die in Wohngruppen organisiert ist, hängen Einsatzpläne an den Türen. Küche: Nicole. Fegen: Jessica. Zwei Mädchen lungern gelangweilt auf einem Sofa herum. Um 20 Uhr ist Einschluss. Kein Spaziergang durch die Stadt, kein Aufpeppen für den Disco- Besuch, keine Verabredung mit dem Freund – das richtige Leben findet woanders statt.

Kriminalität und Strafvollzug sind vorrangig Männersache: Nur ca. 4,5 Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sind Frauen. Die JVA für Frauen in Vechta ist die zentrale Haftanstalt für Frauen in Niedersachsen. In der Anstalt werden Untersuchungshaft, Freiheitsstrafe, Jugendstrafe und die seltenen Haftarten Ordnungs-, Sicherungs-, Zwangs- und Erzwingungshaft vollzogen. Die Strafdauer reicht von kurzen Ersatzfreiheitsstrafen bis zu lebenslangen Haftstrafen. Autorin Britta Lübbers ist freie Journalistin und Autorin in Oldenburg.