Böser Bube Brinkmann

Ohne Rolf Dieter Brinkmann ist moderne deutsche Lyrik nicht denkbar.

Bürgerschreck und großer Dichter: Rolf Dieter Brinkmann.

„Dieser Mann war eine Waffe. Dieser Mann war der Hass und die Liebe. Diesem Mann war das Leben nicht genug“, bringt Volker Weidermann in seiner Literaturgeschichte „Lichtjahre“ Rolf Dieter Brinkmann auf den Punkt. Für den Ostberliner Dramatiker Heiner Müller war Brinkmann „das einzige Genie in der westdeutschen Literatur“. Und Dichterkollege Wolf Wondratschek befindet bündig: „Er war too much für Euch, Leute.“

Der Mann, der zuviel für die anderen war, wurde am 16. April 1940 in Vechta geboren. 1958 verließ er nach der 10. Klasse das Gymnasium, brach kurz darauf eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten ab, reiste nach Paris, begann 1959 eine Buchhändlerlehre in Essen, wurde Schriftsteller, heiratete, bekam einen Sohn, war Stipendiat der Villa Massimo in Rom und nahm an internationalen Lyrik-Festivals teil. Ein solches führte ihn 1975 nach London, er kam nicht lebend zurück. Rolf Dieter Brinkmann starb dort bei einem Unfall, weil er als Fußgänger den Linksverkehr nicht beachtet hatte. Er wurde nur 35 Jahre alt. Brinkmann, der immer an Geldnot litt, war ungeheuer fleißig. Er schrieb u.a. Gedichte und Erzählungen sowie einen bestürzend intimen Roman („Keiner weiß mehr“). Er übersetzte Literatur aus dem Englischen. Er schockierte, verärgerte und begeisterte. Er wurde als obszön und genial gehandelt. Zunächst vom Realismus des französischen „Nouveau Roman“ beeinflusst, orientierte er sich später an der amerikanischen Beat-Literatur, Autoren wie Jack Kerouac und William S. Burroughs inspirierten ihn. Vom 1968er-Aufstand erhoffte sich Brinkmann einschneidende Veränderungen für die europäische Kunstszene, den Marsch durch die Institutionen lehnt er später enttäuscht ab.

Rolf Dieter Brinkmann ist kein leicht zugänglicher Dichter, und er war auch ein schwieriger Mensch. Er war kompromisslos, verabscheute Höflichkeitsformen, er war – nicht nur in seiner Arbeit – radikal. Freunde brüskierte er, seine Ehe galt es krisenhaft. Der Nachwelt hat Brinkmann ein unglaublich dynamisches Werk hinterlassen, in dem immer noch der Rhythmus einer ganzen Generation pulst.

Wie ein Rockstar

Brinkmann, der die Ikonenbildung im deutschen Literaturbetrieb ausdrücklich ablehnte („die Toten bewundern die Toten“), ist zweifellos eine literarische Größe. Moderne deutsche Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar. Dieser Mann war nicht nur Hass und Liebe, dieser Mann ging den Dingen auf den Grund: „Überraschend/die zufällige Anordnung/des Aschenbechers/der Tasse/der/Hand zu einem/geschlossenen Bild./Keiner kann sagen, hier/ wird gelebt.“ („Standphotos“). Brinkmann räumte auf mit Konventionen, im Leben und beim Schreiben. „Ich habe immer Gedichte geschrieben, wenn es auch lange gedauert hat, alle Vorurteile, was ein Gedicht darzustellen habe und wie es aussehen müsse, so ziemlich aus mir herauszuschreiben“, erklärt er 1968 in einer Notiz zum Gedichtband „Die Piloten“. Brinkmann löste gängige Sprachformen auf, jonglierte lustvoll mit Reimschemata und Syntax. Als die geschriebenen Wörter unzureichend wurden, versuchte er es mit dem gesprochenen Wort, lief wie manisch durch die Straßen seiner (ungeliebten) Wahlheimat Köln, nahm auf Tonband auf, was er sah, hörte, was ihm missfiel. Brinkmann filmte und fotografierte auch, schnitt Wörter und Bilder aus Zeitungen aus, entwarf Text-Bild-Ton-Collagen, lange bevor der Begriff „Multimediale Kunst“ existierte. In der noch jungen Republik machte er sich schnell einen Namen als Bürgerschreck und unangepasster Lyriker, auf dem Höhepunkt seiner Popularität bat man ihn auf die Bühne wie einen Rockstar: „Ladies und Gentlemen: Rolf Dieter Brinkmann.“

1969 provozierte er in Berlin auf einer Diskussionsveranstaltung mit den Literaturkritikern Rudolf Hartung und Marcel Reich-Ranicki einen Eklat. „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie über den Haufen schießen“, rief Brinkmann den Kritikern zu, um seine Verachtung für die deutsche Literaturszene auszudrücken. Marcel Reich-Ranicki, der Brinkmann in einer Rezension als vielversprechendes junges Talent gewürdigt hatte, erinnert sich in seiner Autobiografie an den Vorfall: „Das Publikum war empört und verließ aufgeregt den Saal. Brinkmann hatte nun den Skandal, an dem ihm offensichtlich gelegen war. Seine Verlagslektorin wollte mich beschwichtigen: ,Sie sind doch für ihn eine Vaterfigur, und dazu gehört auch der Vatermord – dafür sollten Sie Verständnis haben.’ Ich hatte dafür kein Verständnis.“

Von Krüppeln erzogen

Auch in seiner Heimatstadt Vechta gab es lange Zeit weder Verständnis noch Anerkennung für den zornigen Dichter. Das Missverhältnis war beidseitig. Wie sollte das auch zusammengehen, eine kleine katholisch geprägte Stadt umgeben von Moor und Ackerland und ein aufgebrachter Mann, der seinen Hass – auch auf die Enge seiner Heimat in die Welt hinausschreit? Vechta hat Brinkmann geprägt, immer wieder tauchen Momentaufnahmen aus Kindheit und Jugend in seinen Texten auf. Doch wer hier ausschließlich Wutausbrüche vermutet, irrt. Und auch Vechta begegnet seinem berühmtesten Sohn inzwischen mit Respekt und sichtbaren Zeichen der Würdigung. Einen maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat die Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft, die 1992 gegründet wurde. Ihr Vorsitzender ist Dr. Gunter Geduldig, Leiter der Hochschulbibliothek Vechta. In seinem Büro finden sich auf Regalen und in Schubladen zahlreiche Werke von und zu Rolf Dieter Brinkmann, an etlichen hat Geduldig als Autor mitgewirkt. 1989 veröffentlichte er in „Oldenburger Profile“ den Artikel „Rolf Dieter Brinkmann – auch eine Rezeptionsgeschichte“. Die Essenz des Textes benennt er so: „Ich habe geschrieben, dass die Leute in Vechta mit Brinkmann absolut nichts anfangen können.“ Im Jahr 2006 kommt Geduldig in seinem Aufsatz „Brinkmannstadt Vechta“ (in: „Vechta-Punktum“) zu einer ganz anderen Einschätzung: „Die Akzeptanz des Autors ist in seiner Heimatstadt in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen. Beim Tag der Offenen Tür 2004 konnte das von der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft im Alten Rathaus eingerichtete Brinkmann-Zimmer die Menschenströme kaum fassen. Was zunächst nur nach Neugier und Interesse aussah, entpuppte sich in der Tagesbilanz als eine verblüffende Solidaritätsbekundung für den in Vechta einst verpönten Autor.“ Bis dahin war es ein weiter Weg.

Für Rolf Dieter Brinkmann, der im Familiengrab auf dem Katholischen Friedhof in Vechta beigesetzt wurde, gab es viele Jahre nicht einmal einen Namenszug auf dem Grabstein. „Er hat seine Heimatstadt zu einem Ort auf der literarischen Landkarte gemacht und muss sich in dieser Stadt mit einer anonymen Grabstätte zufrieden geben“, schrieb Gunter Geduldig in „Oldenburger Profile“. Brinkmann habe lange als anstößig gegolten. „Mit diesem Kerl wollen wir nichts zu tun haben“, das sei die gängige Meinung gewesen. Die Ablehnung von Person und Werk machte auch vor der Hochschule nicht halt. „Obwohl Brinkmann ja bereits zu Lebzeiten große Anerkennung als Lyriker erfuhr, hat die Bibliothek ihn lange nicht in ihrem Bestand geführt“, weiß Geduldig. In einer örtlichen Buchhandlung gab man unumwunden zu, Brinkmann-Werke „nicht einmal unter dem Ladentisch“ zu verkaufen. In dieser Haltung setzte sich fort, was der junge Brinkmann bereits zu Schulzeiten erfahren hatte: sein Außenseitertum. Brinkmann war ein aufsässiger Schüler, er prangerte die lieblose Erziehung an, die damals primär auf Gehorchen und Strafe ausgerichtet war. Er begeisterte sich für Nietzsche, Benn und Sartre, womit er den konservativen Lehrkörper provozierte. Immer wieder richtet Brinkmann als Erwachsener den Blick zurück auf die Schulzeit und erinnert sich in drastischen Worten: „Ich habe den Lehrern Knochenbrüche gewünscht, ich habe ihnen das Dreckigste, was man sich vorstellen kann, an den Hals gewünscht – ich bin von Krüppeln erzogen worden mit Krüppelvorstellungen!“ („Rom, Blicke“). Und: „Verkümmerte Lehrergestalten preisen Einsteins Relativitätslehre an wien Stück Wurstbrot aus ihrer Aktentasche, früh geprügeltes Nervensystem durch so kleine mickrige Männchen, die mit gelben Zahnstummeln Tragödien von Eugene O’Neil und Thornton Wilder ausspeien.“ („Erkundungen“). Auch im Elternhaus fühlte sich Brinkmann unwohl. Seinem Vater, einem Finanzbeamten, der Mundartgedichte für die Lokalzeitung schrieb, missfiel die Unangepasstheit des Sohnes aufs Äußerste. Brinkmanns Mutter starb an Krebs, da war er 17 Jahre alt, er trug schwer daran: „Und mir gings ziemlich an den Kragen in der Schule, und ich war ganz wirr wegen des Sterbens meiner Mutter.“ („Erkundungen“). Einmal zum Außenseiter gestempelt, sei Brinkmann dann in diese Rolle hineingewachsen, erklärt Gunter Geduldig. Sein schlechter Ruf habe sich in den Bürgerhäusern festgesetzt. Brinkmann war der Junge, von dem sich Gleichaltrige fernhalten sollten. Das Leben in der Kleinstadt wurde ihm zunehmend zur Qual. Schonungslos fällt sein Rückblick aus: „Geboren zu Anfang des Krieges in Norddeutschland, Vechta im südlichen Oldenburg, einer Kleinstadt von 15.000 Einwohnern, ein Schweinelandstrich, leeres Moor, (...) viel krüppliges Grünzeug, katholisch verseucht“, erzählte er 1974 in der WDR-Radiosendung „Autorenalltag“.

Durch blaues Winterlicht

Und doch hatte die Stadt nicht nur diese abgewandte Seite für ihn. „Die weite Landschaft ringsum Vechta, der hohe Himmel, das norddeutsche Licht, das alles war positiv besetzt und hat ihn ein Leben lang gefesselt“, sagt Gunter Geduldig. Das flache Land wurde Brinkmanns Seelenlandschaft, sein geistiger Fluchtpunkt, wenn er sich von der Enge der lauten, stinkenden Stadt Köln oder dem lärmenden Rom bedrängt fühlte. In der Landschaft schloss Brinkmann Frieden mit Vechta. „Erinnerung: an das blaue Eis im Winter, in der Abenddämmerung, die weiten Flächen am Moorbach, Erinnerung: daß ich dort im Winter vormittags, nachdem ich aus der Schule abgehauen bin, lange herumwandere bis hoch in den Wald! Erinnerung: durch ein blaues, klares Winterlicht laufe ich lange Schlittschuh dort.“ („Erkundungen“).

Dass Vechta inzwischen als Brinkmannstadt gelten kann, sei aber nicht nur der nostalgischen Rückbesinnung des einst verschmähten Sohnes zu verdanken, meint Gunter Geduldig, sondern in erster Linie den vielen Aktivitäten, um dessen literarisches Erbe lebendig zu halten. So hat die Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft 1992 ein Forum für Literatur geschaffen, namhafte Autoren wie Ulla Hahn und Hellmut Karasek waren schon zu Gast. An der Hochschule gibt es ein Kompetenz- und Forschungszentrum, in der Hochschulbibliothek existiert eine Archivund Dokumentationsstelle. Rolf Dieter Brinkmann hat inzwischen seinen Namen auf dem Grabstein, und es wurde eine Straße nach ihm benannt. Offenbar hat Vechta dem wütenden Schriftsteller verziehen.